Die Pokémon-Spieleserie blick auf eine inzwischen über 20-jährige, weltweite Erfolgsgeschichte zurück. Anfangs war es aber gar nicht klar, ob die Pokémon überhaupt nach Europakommen würden, denn Pokémon war selbst in Japan ein Überraschungserfolg. Wir schauen zurück, wie Pokémon zu Anfang in Deutschland wahrgenommen wurde, bis sich auch hier der Poké-Hype ausbreitete.

Unterschiedliche Strategien in unterschiedlichen Ländern

Dass Nintendo, was Spieleveröffentlichungen angeht, je nach Markt unterschiedlich handelte, ist nichts Neues: So erschien in Nordamerika und Europa als Super Mario Bros. 2 (1986) beispielsweise eine ganz andere Version als in Japan. Auch auf einzelne Länder ging Nintendo spezifisch ein. Der Ego-Shooter Perfect Dark (2000) beispielsweise wurde in Deutschland gar nicht erst veröffentlicht, da man eine Indizierung erwartete.

Bei Pokémon schien allerdings jegliche Strategie zu fehlen, was den europäischen Markt anging. Nach der langen Entwicklung in Japan, die schon 1989 mit ersten Pokémon-Entwürfen begann, erschienen die rote und blaue Edition dort im Februar 1996 und wurden für Nintendo selbst ein Überraschungserfolg.

Pokémon als Überraschungserfolg

Bis zur Veröffentlichung in Deutschland im Herbst 1999 dauerte es aber noch ganze dreieinhalb Jahre. Dieser lange Zeitraum bis zur Veröffentlichung zeigt, wie unsicher man sich anfangs war, dass die Pokémon auch außerhalb Japans ein Erfolg werden würden. Nicht alles, was in Japan zum Kult wurde, kam auch im Westen gut an. Trotz des innovativen Konzepts und der knuffigen kleinen Monster war Pokémon in erster Linie immer noch ein Rollenspiel – und Rollenspiele aus Japan waren in Übersee nicht unbedingt erfolgreich, weshalb viele Rollenspiele gar nicht erst außerhalb Japans erschienen.

Während Japan im Pokémon-Fieber war, erahnte man in Deutschland so gut wie nichts von der Taschenmonster-Welle. 1996 verbreiteten sich Informationen noch nicht über das Internet, sondern allenfalls über die Fachpresse. An der Berichterstattung des größten deutschen Nintendo-Magazins N-ZONE zeigt sich gut, wie das Thema in Deutschland aufgenommen wurde.

Herbst 1997: Erste Informationen zu Pokémon

N-ZONE Bericht zu Pikachu Genki dechu
Der erste Bericht in der N-ZONE widmete sich den Pokémon noch unter der Überschrift Tamagotchi. Ausschnitt aus N-ZONE 11/1997, S.6.

Tatsächlich waren es nicht wie man vermuten könnte die aktuell in Japan erfolgreichen Game Boy-Spiele, mit denen deutsche Leser als erstes in Kontakt kamen, sondern Screenshots von geplanten N64-Titeln. Während die Pokémon-Spiele dem schon deutlich in die Jahre gekommenen Game Boy zu neuen Höhenflügen verhalfen, liefen die Verkäufe des N64 in Japan nur schleppend. Mit Pokémon-Titeln für die TV-Konsole wollte Nintendo nun auch den N64-Absätzen einen Schub geben. Und da das N64 gerade in Deutschland besonders im Fokus stand, wurde ohne jegliche Hintergrundinformationen zum Pokémon-Kult über die N64-Spiele berichtet.

In einem ersten Entwurf wurden zunächst Screenshots eines Tamagotchi-artigen Spiels gezeigt, bei dem man ein wildes Pikachu zähmen kann. Das Thema Tamagotchi war auch deutschen Spielern vertraut und so berichtete die N-ZONE erstmals über ein Pokémon-Spiel. Speziell an Pikachu genki dechiyû (ピカチュウげんきでちゅう) war die geplante Sprachsteuerung: Über ein Mikrofon sollte man Pikachu bestimmte Befehle zurufen können. Während man diese Spielankündigung noch als Kuriosität aus Japan abhaken konnte, wurde es auf der Nintendo Space World im November 1997 allerdings scheinbar ernst für die Pokémon: Nintendo kündigt an, dass die Game Boy-Spiele nun auch dem westlichen Markt zugänglich gemacht werden sollen. Für den japanischen Markt wurden daneben Pocket Monster`s Snap und Pocket Monster Stadium angekündigt.

Cover von Pokemon Channel

Sei mein Freund, Pikachu!Pikachu genki dechiyû erschien als Hey You, Pikachu auch in den USA. Es ist das einzige N64-Spiel, bei dem man per Mikrofon mit einem Spiel interagieren kann. Je mehr man mit Pikachu spricht, desto besser kann man sich mit ihm anfreunden. Angeblich kann das Mikrofon bis zu 200 Wörter erkennen.Ein Spiel ohne Mikrofonfunktionen, aber mit ähnlichem Prinzip, ist unter dem Titel Pokémon Channel für den Game Cube erschienen. Das Spiel richtet sich aber vor allem an jüngere Spieler und hat einen sehr geringen Schwierigkeitsgrad.

Nach diesen Ankündigungen machte Pokémon noch einmal als Kuriosität aus Fernost auf sich aufmerksam: Am 16. Dezember 1997 um 18:30 Uhr kam es in Japan zu einem Zwischenfall, der um die Welt ging: Die Ausstrahlung der Pokemon-Serie im Fernsehen löste mit einigen Animationen leichte gesundheitliche Beschwerden bis hin zu epilepsieartige Anfälle aus. Kurzzeitig sank Nintendos Aktienkurs, schließlich erholte sich die Aktie aber wieder. Nintendo machte deutlich, dass die Grafikeffekte, die zu den epileptischen Anfällen geführt hatten, so auf dem Game Boy weder vorkommen würden noch technisch überhaupt möglich wären. Die N-ZONE berichtete auch über diesen Zwischenfall, danach wurde es aber für lange Zeit wieder ruhig um die Pocket Monster.

Herbst 1998: Pokémon als Kuriosität aus Japan

Erst im Herbst 1998 gab es in der N-ZONE einen halbseitigen Importtest zu Pokemon Stadium, der kurz und oberflächlich ausfiel. Scheinbar kannte auch der Redakteur die Game Boy-Spiele nur flüchtig und konnte so nur schließen:

„Als Spiel an sich ist Pokemon Stadium eigentlich kaum ernstzunehmen, die Wertung ist daher mit Vorsicht zu genießen. Doch in seiner angedachten Funktion als Turbolader für die Game Boy-Spiele dürfte es Fans absolut überzeugen“.

N-ZONE 10/1998, S. 46

Ein Echo zu Pokemon Stadium gab es noch einmal in der darauffolgenden Ausgabe 11/1998, denn das Spiel verhalf Nintendo für kurze Zeit zu einer Verdopplung des Marktanteils des N64 in Japan [1]. Trotzdem wurde Pokemon weiterhin eher als Kuriosität aus Japan gehandhabt, die am Rande kurz erwähnt wurde und mit der scheinbar keiner der Redakteure schon direkten Spielkontakt hatte. In der N-ZONE 03/1999 gab es in der Japan-Rubrik zwei kleine Screenshots von Pokemon Snap mit dem Untertitel:

„Im bisher abgefahrensten Titel rund um die Pocket Monster begebt ihr euch auf eine Safari und müßt das wilde Tierleben des Dschungels erfolgreich vor eure Kamera locken.“

N-ZONE 03/1999, S. 4

In Ausgabe 04/1999 berichtete die N-ZONE, dass ein Nachfolger zu Pokemon Stadium auf einem 256 MBit-Modul veröffentlicht werden würde und in der 05/1999 ging sie ebenfalls kurz darauf ein, dass Pokemon Snap im März auf Platz 4 der Verkaufscharts in Japan einstieg [2]. Eine richtige Auseinandersetzung mit den Pokémon(-Spielen) fand aber erst zur E3 im Sommer 1999 statt.

Sommer 1999: Die E3 bringt den Stein ins Rollen

Es ist erst die E3 und der damit verbundene Besuch der Redakteure in den USA, der klar macht, welches Potenzial in den Pokémon-Games steckt. Prominent präsentiert wird auf der E3 ein Beetle im Pikachu-Design nebst einem Pikachu in Menschengröße. Dieser erregt Aufmerksamkeit und wird in der N-ZONE 07/1999 in der E3-News-Rubrik mit der Bildunterschrift „Dieser gelbe „Osterhase“ heißt Pikachu und ist das beliebteste Pokemon-Monster“ vorgestellt[3]. Einige Seiten später heißt es dagegen: „Am Strand erfreut ihr Pikachu, indem ihr ihm einen Apfel zuwerft. Wer genau zielt, kann der gelben Maus den Apfel auch an den Kopf schmeißen.“ [4]

Ob Hase oder Maus, die Pokémon und allen voran Pikachu scheinen erstmals richtig in der N-ZONE wahrgenommen zu werden. Redakteur Florian Brich, der von der Messe berichtet, wird in den USA von dem dort schon bestehenden Pokémon-Hype angesteckt und legt sich die rote Edition zu. In der N-ZONE 08/1999 gibt es deshalb auch endlich einen ausführlichen Bericht unter dem Titel „Planet Pokemon. Pikachu erobert die Welt“. Die Pokémon-Spiele sind bisher nur auf Japanisch und Englisch erhältlich und so wirkt die Wortwahl noch etwas hölzern, wenn davon die Rede ist, Pokémon in einen Pokéball „einzukerkern“. Ganz oft wird außerdem auch von Biestern statt Pokémon gesprochen. Die N-ZONE zieht nun ein eindeutiges Fazit zum Phänomen:

„Pokemon entfaltet eine Sogwirkung, vor der es kein Entrinnen gibt!“

N-ZONE 07/1999, S. 19

Herbst 1999: Der Pokémon-Hype in Deutschland

Es ist beachtlich, dass die eigentlichen Pokémonspiele – die rote und grüne beziehungsweise blaue Edition – bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht vorgestellt wurden. Import-Tests zu Pokémon Stadium (10/1998), Pokémon Stadium 2 (07/1999) und Pokémon Snap (08/1999) gab es bereits. Das erste Game Boy-Spiel, das in der N-ZONE 08/1999 vorgestellt wird, ist aber tatsächlich das Spin-Off Pokémon Pinball, das mit einer Gesamtwertung von 89% auch Spielern ohne „Pokemon-Vorbelastung“ empfohlen wird [5]. Eine interessante Empfehlung, denn zu diesem Zeitpunkt dürfte noch niemand in Deutschland wirklich vorbelastet sein.

Der Start der eigentlichen Game Boy-Spielereihe in Deutschland rückte nun immer näher. In der rund eine Woche vor Spiele-Release erschienenen N-ZONE 10/1999 kündigt die Redaktion im Editorial an, von nun an „über die Pokemon-Manie in all ihren Auswüchsen“ zu berichten[6]. Endlich gibt es nun auch die erste Kurzvorstellung des Game Boy-Spiels. Immer noch aber scheint das Spiel nicht so ganz geläufig zu sein, denn die N-ZONE berichtet fälschlicherweise, dass die rote und blaue Edition jeweils nur 75 Pokémon enthalten, die untereinander getauscht werden können, um alle 150 Pokémon zu erhalten [8]. In der kommenden Ausgabe wird dies aber korrigiert.

In Deutschland kommt ab Oktober 1999 eine Lawine ins Rollen und der Rest ist Geschichte: Zeitgleich mit dem Game Boy-Spiel startet auf RTL2 die Fernsehserie und verhilft den Taschenmonstern zu noch mehr Aufmerksamkeit. Während in Deutschland der Pokémon-Hype gerade erst startet, werden in Japan am 21. November schon die Goldene und Silberne Edition veröffentlicht, aber auch Deutschland wird im Frühjahr 2000 mit Pokémon Stadium mit Nachschub versorgt. Pokémon Snap erscheint ebenfalls noch 2000 und nicht nur die Spiele werden nun keinesfalls mehr als kurios angesehen – wer Pikachu ist, braucht bald niemand mehr zu erklären.

Quellen

  1. N-ZONE 11/1998, S. 6
  2. N-ZONE 05/1999, S. 4
  3. N-ZONE 07/1999, S. 9
  4. N-ZONE 07/1999, S. 45
  5. N-ZONE 08/1999, S. 5
  6. N-ZONE 10/1999, S. 2
  7. N-ZONE 10/1999, S. 8

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